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Nachdem ich nunmehr des 70. Jahr meines Alters erreicht, auch dabei die fröhliche Hoffnung
habe, daß mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres
Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe: so danke ich ihm zuvörderst für
alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an
Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat.
Daneben bitte ich von Grund meines Herzens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine
fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen, und dem Leibe
eine sanfte Ruhe in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tage bescheren, da ich mit allen
Meinigen, die nur vor mir gewesen und auch künftig nach mir bleiben möchten, wieder
erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn
doch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde.
Meinem einzigen hinterlassenen Sohne überlasse ich von irdischen Gütern wenig, dabei aber
einen ehrlichen Namen, dessen er sich sonderlich nicht wird zu schämen haben.
Es weiß mein Sohn, daß ich ihn von seiner zarten Kindheit an dem Herrn meinem Gott zu eigen
gegeben, daß er ein Diener und Prediger seines heiligen Wortes werden soll. Dabei soll er
nun bleiben und sich daran nicht kehren, daß er nur wenig gute Tage dabei haben möchte; denn
da weiß der liebe Gott schon Rat zu und kann das äußerliche Trübsal mit inniglicher
Herzenslust und Freudigkeit des Geistes genugsam ersetzen.
Die heilige Theologiam studiere in reinen Schulen und auf unverfälschten Universitäten, und
hüte dich ja vor Synkretisten, denn sie suchen das Zeitliche und sind weder Gott noch Menschen treu.
In deinem gemeinen Leben folge nicht böser Gesellschaft, sondern dem Willen und Befehl
deines Gottes. Insonderheit
1. tue nichts Böses, in der Hoffnung, es werde heimlich bleiben, denn es wird nichts so
klein gesponnen, es kommt an die Sonnen.
2. Außer deinem Amte und Berufe erzürne dich nicht. Merkst du dann, daß der Zorn dich
erhitzet habe, so schweige stockstille und rede nicht eher ein Wort, bis du ernstlich die
10 Gebote und den christlichen Glauben bei dir ausgebetet hast.
3. Der fleischlichen sündlichen Lüste schäme dich, und wenn du dermaleinst zu solchen Jahren
kommst, daß du heiraten kannst, so heirate mit Gott und gutem Rat frommer, getreuer und
verständiger Leute.
4. Tue Leuten Gutes, ob sie dir es gleich nicht zu vergelten haben, denn was Menschen nicht
vergelten können, das hat der Schöpfer Himmels und der Erden längst vergolten, da er dich
erschaffen hat, da er dir seinen lieben Sohn geschenket hat, und da er dich in der heiligen
Taufe zu seinem Kinde und Erben auf- und angenommen hat.
5. Den Geiz fleuch als die Hölle, laß dir genügen an dem, was du mit Ehren und gutem
Gewissen erworben hast, ob es gleich nicht allzuviel ist. Beschert dir aber der liebe Gott
ein Mehreres, so bitte ihn, daß er dich vor dem leidigen Mißbrauche des zeitlichen Gutes
bewahren wolle. Summa, bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich
und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und
von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Amen."
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